Es ist der Siebzehnte

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und ich lebe noch

Seit 30 Stunden bin ich wach. Ein Arbeitstag, eine Verabredung und einige Bombardierungen meiner Heimatstadt, darunter die eine, die alles veränderte, liegen hinter mir. Heute ist der 17. Januar 1945. Ich lebe noch.

Ich kenne weder mein Ziel noch einen Ort, an dem ich verweilen könnte. Also marschiere ich einfach. Ich gehe durch die Straßen einer Stadt, die zum Opfer wurde. In meiner geliebten Altstadt tobt der Tod. Die Gebäude sind zerstört, Trümmer versperren Zufahrtswege und machen Rettungsarbeiten fast unmöglich. Flammen und Rauch rauben noch immer den Sauerstoff, den die Hilfstrupps benötigen, um sich auf der Suche nach Überlebenden durch die Schuttberge zu den Hauskellern durchzuarbeiten. Schier chancenlos scheinen ihre Bemühungen. Ich sehe nur, wie ein Leichnam nach dem anderen am Straßenrand abgelegt wird. Greis neben Kind neben Greis neben Vater neben Mutter neben Kind. Verbrannt und verkohlt, zuweilen, so scheint es, einfach erstickt.

Das Stadttheater wurde von den Flammen gefressen. Noch immer brennt das Feuer, doch nirgends habe ich heute eine Feuerwehr, geschweige denn Wasser, bei der Arbeit gesehen. Machtlos stehen wir Lebenden hier und sehen die Reste unserer zertrümmerten Vergangenheit zu Asche zerfallen.

Dutzende Hitlerjungen, 15 bis 16 Jahre alt, stützen und tragen Verwundete aus dem Stadtkern heraus zum Bahnhof Magdeburg-Buckau, der einigermaßen intakt geblieben sein soll, wie mir einer der Jungen auf Nachfrage verrät. Ich gehe ein Stück in ihre Richtung mit, jedoch folge ich ihnen nicht weiter, denn sie gehen vorwärts. Ich hingegen wandere im Geist zurück durch die Zeit, an einen Ort meiner Kindheit und Jugend, ein Ort, den es nicht mehr gibt. Vom Bub zum Mann bin ich hier geworden und jede schöne Erinnerung auf diesem Weg liegt nun zerstört zu meinen Füßen oder brennt.

Breiter Weg 217, das Kino „Passage am Dom“, vor meinen Augen bricht es ein. Wie Schrappnelle schießen Funken in die Luft, sinken nieder und durchlöchern den Stoff meiner Kleidung. Aus Gegenwart ward Ruine. Ich kann die Filmmusik noch hören. Zuletzt zeigten sie hier „Kolberg”. An die Botschaft dieses Durchhaltefilms glaubte aber niemand mehr. Als teuerster deutscher Film aller Zeiten und mit dem wie immer großartigen Heinrich George, konnten wir uns den Film aber ruhig ansehen. Imposante Ablenkung, wenn man so will. Ich sehe auch noch die vielen Filmküsse vor mir auf der Leinwand, die ich mir stets als die meinen wünschte, und trauere dem Gefühl nach, das in mir kribbelte, als ich neben Greta in der letzten Reihe saß und sie ihre Hand auf meine legte. Oh, meine liebe Greta, verlassen hast du mich längst, aber bitte sei noch unter den Lebenden!

Mir wird schwindelig. Der Gestank der verkohlten Leichen scheint an die Stelle der spärlichen Atemluft getreten zu sein.

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Am Hasselbachplatz wohnten viele meiner Freunde. Schulter an Schulter liegen die Leichen hier neben noch immer Asche ausstoßenden Trümmervulkanen. Ihre Körper sind geschrumpft. Es ist also wahr: Das kommt von den Phosphorbomben. Als ich ihre leblosen Körper umdrehe, erkenne ich zwei Gesichter. Ein paar der Jungs, die hier wohnten, fehlen zum Glück. Hoffentlich geht es ihnen gut. Da wir alle eine Arbeit haben, können sie auf ein Quartier außerhalb der Stadt hoffen. Wenn sie es also bis zu einem der Auffanglager geschafft haben, dürften sie sich bereits in einem Lastkraftwagen oder der Eisenbahn zum Abtransport befinden. Auch ich sollte dort sein. Doch eines hält mich hier. Ich muss…

Ein neuer Fliegeralarm! Ich muss sofort Schutz finden. Ich renne die Sternstraße hinunter auf der Suche nach einer Feuerlücke in den Trümmern. Das Heulen der Sirenen peitscht auf mich ein. Gehorsam laufe ich schneller, obwohl der flüssige Teer nach meinen Sohlen greift. Ich will dorthin, wo die Flammen sich beruhigt haben und  eine Hausdecke mir ausreichend stabil erscheint.  Ich kann nur hoffen, dass all die Stab-, Brand- und Phosphorbomben zu teuer sind, als dass die Royal Air Force ein bereits zerstörtes Ziel noch einmal angreift.

Es geht los. Die erste Explosion scheucht mich wie einen Hasen von der Straße. Ich verschwinde in meinem rauchenden Bau. Das Feuer an dieser Stelle ist zwar weitestgehend erloschen, doch nach wie vor sind die Wände unerträglich heiß. Ich mache mich klein und versuche, mit dem Gesicht dem Boden so nah wie möglich zu sein, um einer Rauchvergiftung zu entgehen.

Die Bomben krachen auf Stein. Ich kann sie nicht sehen, aber die Detonationen hören und bis ins Mark spüren. Ich versuche, bei Bewusstsein zu bleiben. Der Sauerstoff tanzt mit den Flammen durch die Stadt und lässt mich hier im Stich. Ich muss überleben. Ich muss…

Heute ist der 18. Januar 1945. Ich liege am Straßenrand – Schulter an Schulter mit zwei Unbekannten.


 

Eine Reportage zeichnet sich normalerweise dadurch aus, dass ihr Autor selbst vor Ort ist oder war und die Ereignisse als Augenzeuge schildert. Der Autor Manuel Pape ist 1990 geboren und war folglich nicht dabei. Daher hat er eine erfundene Person an seiner Stelle den 17. Januar erleben lassen. Der Erzähler ist somit fiktiv, die geschilderten Ereignisse sind jedoch gründlich recherchiert, damit die Reportage so nah an der Realität ist wie möglich. Unser Redakteur zeichnet mit dieser Reportage den 17. Januar so nach, wie ein 24-Jähriger diesen Tag erlebt haben könnte. Hier bleibt also viel Platz für eure eigene Einschätzung: Schreibt uns in Kommentaren bei DieWaehlerischen oder Facebook, ob ihr euch jenen Tag auch so vorstellen könnt oder wie eurer Meinung nach dieser Tag erlebt wurde.

Was sind die Quellen, mit denen ein Historiker Geschehnisse wie die des 16. Januar 1945 nachzuvollziehen versucht? Historiker Dr. Berthold Petzinna (60) schildert, warum insbesondere die Berichte der Feuerwehr von großer Bedeutung sind.

Gedicht2 Teil 1

Gedicht2 Teil 2