Die Zeit bis zur Besatzung

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Die  Sternbrücke vom Ausstellungsturm aus fotografiert

Eine der schlimmsten Nächte in der Stadtgeschichte Magdeburgs war am Morgen des 17. Januar 1945 vorüber – nicht aber die Ungewissheit und Angst vieler Magdeburger: Das Erlebte ließ sich kaum vergessen oder verdrängen, auch wenn der Alltag in einer Trümmerlandschaft organisiert werden musste, so gut es eben ging.

Und mit den Angriffen war der Zweite Weltkrieg nicht beendet. Alfred Heidelmeyer, der die Bombardierung miterlebt hat, schreibt 50 Jahre später: „Es muß am 19. oder 20. Januar gewesen sein, wir waren noch im Einsatz, da sahen wir sie kommen: Kriegsgefangene, britische und amerikanische Piloten in ihren pelzgefütterten Lederjacken, sowjetische Soldaten in blaugrün gefärbten, man kann sagen: Lumpen, die weißen Buchstaben SU auf den Rücken (…) mit primitiven Holzschuhen an den Füßen. Sie mußten zusammen mit Soldaten der Magdeburger Garnison die wichtigsten Durchgangsstraßen von Trümmern räumen, so vor dem Hauptbahnhof, die Kölner Straße, die Vom-Rath-Straße (ehemalige Jakobstraße), den Breiten Weg, die Alte Ulrichstraße.“ Diese sehr verschiedenen Kriegsgefangenen sollten die wichtigsten Durchgangsstraßen wieder nutzbar machen und die Trümmer beseitigen.

Dazwischen gab es neue Angriffe aus der Luft. Immer wieder seien sie gekommen, schreibt Heidelmeyer. „Am Tage die ‚Fliegenden Festungen‘ der Amerikaner, (…) in der Nacht die Geschwader des britischen Bomber-Command.“ Permanente Luftgefahr habe in Magdeburg geherrscht, immer wieder habe es Luftalarm gegeben. Bis zum 16.1. gab es 19 Luftangriffe, bis zum 17. April und dem Eintreffen der US-Truppen in Magdeburg am 18. April weitere 19. Alleine zwischen dem 2. und 9. Februar 1945 sterben laut Heidelmeyer weitere 250 Magdeburger, 4900 Menschen werden obdachlos, die Katastrophe vom 16. Januar liegt zu diesem Zeitpunkt noch keine vier Wochen zurück. Briten und Amerikaner werfen auch am 13., 14. und 15. Februar wieder Bomben. Sie bombardieren den Flughafen, das Industriegebiet Rothensee und Wohngebiete. Für zwei Wochen herrscht Ruhe, am 2. März erfolgt dann ein weiterer Angriff, bei dem auch der Dom in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Industrie ist durch die Angriffe der zurückliegenden Monate schwer getroffen, Ende März wird in vielen Betrieben die Produktion eingestellt.

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Auch am 2. März gab es einen Angriff auf Magdeburg. Doch dieser sollte bei weitem nicht der letzte bleiben, wie der Schadensplan aus dem Mai 1945 zeigt.

 

Generalleutnant Adolf Raegener wird zum Kampfkommandanten Magdeburgs ernannt. Sein Befehl: „Magdeburg und die Elblinie ist bis zum letzten zu verteidigen…“. Am 7. April 1945 wird die Stadt zur Festung erklärt. Panzersperren werden errichtet, Geschütze in Stellung gebracht, die wichtigsten Elbbrücken zur Sprengung vorbereitet. Der Kampf um Magdeburg beginnt schließlich am 11. April. Um 16.45 Uhr ertönt Feindalarm. Amerikanische Panzerverbände sind bei Großottersleben eingedrungen und eröffnen das Feuer. Es gibt Gefechte um die Eroberung des Flugplatzes in der Leipziger Chaussee. Am Folgetag fordern die Amerikaner zur Aufgabe der Stadt auf.

SS-Brigadeführer Bodeck lehnt ab, er werde keine Übergabeverhandlungen führen und Magdeburg bis zum letzten verteidigen. Die Stadtoberen, so ist nachzulesen, verkrochen sich derweil in Bunkern und gaben Durchhalteparolen heraus. Es habe Endzeitstimmung geherrscht. Weitere Panzerverbände rollen an. Die Amerikaner erweitern ihren Aktionsbereich, die Wehrmacht bei Olvenstedt ergibt sich kampflos und ohne Befehlshaber, die Offiziere hatten sich zuvor abgesetzt. Olvenstedts Bürgermeister übergibt die Stadt an die Alliierten. Noch am selben Tag sinkt die „Adolf-Hitler-Brücke“ ins Flussbett, die Detonation ist in ganz Magdeburg zu spüren. Die Durchfahrt auf der Elbe ist somit versperrt. Kampfkommandant Raegener zieht sich ans östliche Elbufer zurück.

Die Kriegshandlungen gehen weiter, immer wieder gibt es Explosionen und Detonationen. Die in der Stadt gebliebenen Magdeburger müssen dennoch auf die Straße, um Lebenmittel und lebenswichtige Informationen zu bekommen und weiterzugeben. Die Bewohner südlicher Stadtteile werden am 16. April 1945 per Lautsprecher von den amerikanischen Truppen aufgefordert, keinen Widerstand zu leisten und sich befreien zu lassen. Kampfkommandant Raegener widerspricht. Zweiseitiger Artilleriebeschuss trifft die südlichen Magdeburger Vororte.

Nachdem Raegener die Übergabe der Stadt erneut ablehnt, wird Magdeburg am 17. April noch einmal Ziel eines Großangriffs. Zwischen 11 Uhr und 16 Uhr kreisen 360 amerikanische Flugzeuge über der Stadt, schätzungsweise 3000 Wohnungen werden zerstört. „Am 18. April erreichen amerikanische Panzer den Justizpalast, das Polizeipräsidium und stoßen durch die Panzersperre in die Innenstadt vor“, schreibt Alfred Heidelmeyer. Sie dringen zum Befehlsbunker am Nordfriedhof vor, in dem sich auch Oberbürgermeister Dr. Markmann befindet. Er verlässt mit einer Rot-Kreuz-Fahne als Zeichen der Aufgabe in der Hand den Bunker, übergibt sie an die Amerikaner und wird verhaftet.

Doch noch gibt es einige intakte Kampfgruppen, die weiter Widerstand leisten. Für einige Offiziere gilt nach wie vor der Eid, den sie auf Hitler als Oberbefehlshaber der Wehrmacht geschworen haben. Diese Einheiten beschießen die amerikanischen Truppen, die das westliche Elbufer besetzt haben. Die Stadthalle wird zerstört.

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Zerstörte Magdeburger Stadthalle.

 

Es folgen tagelange Artillerieduelle, am 22. April der letzte Luftangriff von deutscher Seite. Als „spärliche Nachrichten“ bezeichnet Heidelmeyer das, was in den folgenden Tagen Magdeburg erreicht. Adolf Hitler hat sich am 30. April das Leben genommen, die russischen Truppen sind im Anmarsch. Sie erreichen im Verlauf des 5. Mai 1945 die östlichen Stadtteile Magdeburgs.


 

Der 16. Januar 1945 war vorbei – doch damit nicht die Luftangriffe auf die Stadt Magdeburg. Autor Luca Deutschländer, 1994 geboren, schildert die Erkenntnisse, die er während seiner Literaturrecherche und in den Gesprächen mit Zeitzeugen vermittelt bekommen hat. Diskutiert mit!

Städte wie Magdeburg waren am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört, die Nationalsozialisten hatten kapituliert. Doch wie hat man sich den Wiederaufbau in Städten dieser Größenordnung vorzustellen? Wie gingen die Menschen vor, welche Anreize gab es für Architekten? Diese und weitere Fragen beantwortet der Historiker Dr. Berthold Petzinna (60).

Um die Explosion einer Bombe im Zweiten Weltkrieg miterlebt zu haben, ist der Historiker Dr. Berthold Petzinna mit 60 Jahren schlicht zu jung. Dennoch hat er im Jahr 1993 in Essen seine ganz eigene akustische Begegnung mit einer Weltkriegsbombe gehabt – und diese Situation seither nicht vergessen.

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