Die Chronik eines Tages

dw
Reger Verkehr auf dem Hasselbachplatz

9 Uhr. Das normale Leben an diesem Dienstagmorgen nimmt seinen Lauf. Der Fliegeralarm gehört inzwischen zum Alltag der Menschen. Viele schlafen angezogen, für den Fall, nachts in einen der Luftschutzkeller flüchten zu müssen. 70 Jahre später werden einige Zeitzeugen schildern, dieser 16. Januar sei – bis die Angriffe begannen – ein ganz normaler Tag gewesen. Der Himmel zeigt sich am Morgen meist wolkenlos. Es ist windstill, in der Nacht hat es leicht gefroren.

11 Uhr. Zum 13. Mal ertönt in diesem noch jungen Jahr 1945 in Magdeburg der Fliegeralarm. Es dauert nicht lange, bis sich 122 US-Bomber im Geschwader „Consolidated B-24 Liberator“ der Elbestadt genähert haben. Schon oft steuerten Bomber in den vergangenen Tagen und Monaten Richtung Magdeburg, doch die meiste Zeit waren die Westalliierten nur über Magdeburg hinweg geflogen, ihr Ziel hieß Berlin. Nicht so an diesem kühlen Januarvormittag: Die amerikanischen Bomber haben Magdeburgs Industriegebiet als Ziel, genauer gesagt die Stadtteile Neustadt und Buckau. Sie werfen Bomben ab. Auf große Gegenwehr seitens der Wehrmacht stoßen sie nicht. Und das, obwohl Magdeburg ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und im Osten des Reichs die Rüstungsschmiede ist. Das Krupp-Grusonwerk, 1855 als Grusonwerk vom Magdeburger Ingenieur Hermann Gruson gegründet und inzwischen Teil der Friedrich Krupp AG, hat sich zu einem bedeutenden Bestandteil der Rüstungsindustrie entwickelt. Der Angriff vernichtet 80 Prozent des Werks an der Mündung der Sülze. Auch die „Junkers Flugzeug- und Motorenwerke“ in der Mittagstraße 16, die 1936 aus der Fusion von Junkers-Motorenbau und Junkers Flugzeugbau hervorgegangen und inzwischen dem Reichsluftfahrtministerium unterstellt sind, sind betroffen. Hinzu kommt, dass auch umliegendes Industriegelände und Wohngebiet in Mitleidenschaft gezogen wird. Im Norden und Süden Magdeburgs bricht Feuer aus.

Während Buckau und Neustadt bombardiert werden, erhält die britische Royal Air Force den Auftrag, unter dem Codenamen „Grilse“ (englisch für einen jungen Atlantik-Lachs) Vorbereitungen für einen weiteren Angriff auf Magdeburg zu treffen. Davon ahnt zu diesem Zeitpunkt in Magdeburg niemand etwas. Die Menschen, die den Angriff am Vormittag überlebt haben, verkraften das Erlebte nur schwer. Viele von ihnen haben Angehörige oder Freunde verloren, ihr Hab und Gut ist zerstört. Dass ein zweiter und viel verheerenderer Angriff folgen könnte, vermag sich zu diesem Zeitpunkt niemand vorzustellen. In den Stadtteilen, die am Vormittag nicht bombardiert wurden, geht das Leben seinen normalen Gang.

Die Menschen sind mit ihrer Arbeit beschäftigt, viele Mädchen verrichten nach der Schule ihren Dienst beim Bund deutscher Mädel, dem weiblichen Zweig der Hitler-Jugend. Doch dann rückt der Abend näher.

21.23 Uhr. Mehrere Lancaster-Maschinen überfliegen Magdeburg und werfen Stanniolstreifen ab. Sie sorgen dafür, dass die britischen Flieger nicht durch das deutsche Radarsystem geortet werden können.

21.26 Uhr. Leuchtbomben, auch „Christbäume“ genannt, lassen insbesondere die Altstadt im Magnesiumlicht taghell leuchten. Masterbomber, die über kurzfristige Strategieänderungen entscheiden und sogenannte Sichtmarkierer, die Zielanzeiger abwerfen, erreichen Magdeburg. Sie nähern sich in sechs Verbänden aus verschiedenen Richtungen. Erst als das Brummen der Flugzeugmotoren für die Menschen deutlich hörbar ist, wird der Luftschutzleitung das Ausmaß der Gefahr bewusst. Aus dem Bunker am Nordpark funkt sie: SOS – Großangriff auf Magdeburg – Hilfe!

 

Bombengeschwader_ueber_MD_16_1_45_G3_126A
Unmittelbar nachdem Leuchtbomben, sogenannte „Christbäume“, gesetzt wurden, begann das Flächenbombardement.

21.28 Uhr. Die Sirenen heulen auf, nahezu gleichzeitig beginnt das Bombardement der 371 britischen Bomber. Das Gros der Magdeburger ist überrascht, viele flüchten erst in die Keller, als die Luftminen schon längst fliegen.

21.32 Uhr. Die Bomber fliegen drei Angriffswellen. Es ist ein reines Flächenbombardement.

21.35 Uhr. Die wenigen Luftschutzbunker sind überfüllt, in manchen Bunkern bricht Panik aus. Es wird geschrien, laut gebetet. Lautes Zischen und Pfeifen, Druckwellen lassen die Hausmauern erschüttern. Menschen krallen sich aneinander.

Wer es dort nicht mehr aushält, wagt sich in nasse Wolldecke gehüllt ins Freie. Sie werden in der Hitze des Feuersturms ohnmächtig, einige werden durch herabfallende Balken und Fenster erschlagen.

21.43 Uhr. Ein Flammenmeer liegt über Magdeburg. Noch in hunderten Kilometern Entfernung ist das Feuer zu sehen. Und noch immer fallen Bomben auf Magdeburg.

22.07 Uhr. Der Angriff ist nach 36 Minuten beendet, die Royal Air Force zieht ab.

22.10 Uhr. Immer mehr Überlebende wagen den Schritt aus den Bunkern. Viele Häuser stehen in Flammen.

 

 

Brand_Hotel_am_Bahnhof_1940_45_G3_129A
Das Hotel am Bahnhof.

Der Breite Weg – komplett zerstört, die Otto-von-Guericke-Straße – ein qualmender Trümmerhaufen, die Häuser in der Alten Ulrichstraße – allesamt vernichtet. Auf den Straßen liegen Tote, die Überlebenden erkennen ihre Stadt kaum wieder. Rund 2000 Menschen sterben an diesem Tag, gut 11 000 Menschen werden verletzt.

Der Krieg, mit dem die Nationalsozialisten ab 1939 halb Europa überzogen hatten, ist mit voller Wucht zurückgekommen. Nach der Schlacht um Berlin findet er am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Streitkräfte sein Ende.


Wesentliches Merkmal einer Reportage ist es, dass der Autor die Geschehnisse selbst miterlebt hat. Da Luca Deutschländer jedoch erst 1994 geboren wurde, hat er den 16. Januar 1945 natürlich nicht miterlebt. Die Ereignisse, die in diesem Text geschildert werden, sind allerdings gründlich recherchiert. Angereichert wurde die Erzählung durch die Gespräche mit Zeitzeugen, die die Redaktion im Vorlauf dieser Multimedia-Reportage geführt hat. Was denkt ihr über den 16. Januar 1945? Wie muss sich dieser Tag für die Menschen in Magdeburg angefühlt haben? Schreibt uns Eure Kommentare oder diskutiert mit auf Twitter #md45.

Was haben die Menschen während des Zweiten Weltkriegs wohl gefühlt? Insbesondere solche, die bereits den Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 miterlebt haben? Dr. Berthold Petzinna (60), Historiker, schildert die Stimmung der Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs – und er verrät, warum nach dem Angriff auf Essen im Jahr 1942 viele Touristen in der Stadt registriert wurden.